Manche Orte besucht man. Andere werden irgendwann ein Teil des eigenen Lebens. Man kennt die Räume, die Atmosphäre, die Gesichter. Man weiß, was einen erwartet, und freut sich trotzdem jedes Mal darauf. Irgendwann denkt man gar nicht mehr darüber nach, warum man eigentlich so gerne hingeht. Es ist einfach selbstverständlich geworden.
Das White Rabbit war für mich so ein Ort. Mein zweites Wohnzimmer.
Und schon der Name gehört für mich zur Erinnerung: Auf den Schildern stand früher nicht White Rabbit, sondern Wheit Rabbit. Ein vertauschter Buchstabe, der irgendwie genauso zu diesem Ort gehört wie die Abende, die ich dort verbracht habe.
Besonders die Mittwoche sind mir im Gedächtnis geblieben. Open Stage im White Rabbit – ein fester Termin, auf den ich mich freuen konnte. Dazu Konzerte, die hängen geblieben sind. Russian Circles zum Beispiel. Oder Mephisto Systems. Abende, an denen Musik nicht einfach nur das Begleitprogramm für einen Clubbesuch war, sondern der Grund, überhaupt dort zu sein.
Aber es waren nicht nur die Bands oder die Bühne, die das White Rabbit für mich besonders gemacht haben.
Ein schwarzes Notizbuch voller Begegnungen
Mittwochs hatte ich oft ein schwarzes Notizbuch dabei. Ich kam mit Leuten ins Gespräch, und irgendwann landete der Stift auf dem Papier. Die Menschen zeichneten mir etwas hinein – manchmal kleine Kunstwerke, manchmal spontane Kritzeleien, manchmal auch einfach einen Penis.
Das gehörte eben auch dazu.
Man wusste nie so genau, was am Ende auf einer neuen Seite landen würde. Vielleicht eine Zeichnung, die man gerne aufbewahren wollte. Vielleicht etwas völlig Albernes, über das man später noch lachen konnte. In jedem Fall blieb etwas zurück: eine kleine Erinnerung an einen Menschen, mit dem man an diesem Abend ins Gespräch gekommen war.
Wenn ich heute daran denke, ist dieses Notizbuch fast ein Sinnbild für das, was das White Rabbit für mich ausgemacht hat. Man ging nicht einfach irgendwohin, um Musik zu hören oder etwas zu trinken. Man begegnete Menschen. Es entstanden Gespräche, Bekanntschaften und Erinnerungen, mit denen man vorher nicht gerechnet hatte.
Und manchmal eben auch Kunstwerke. Oder Penisse.
Als der Hase gehen musste
Am 30. April 2019 war Schluss. Das White Rabbit musste seinen bisherigen Standort am Leopoldring verlassen. Vorausgegangen war ein Streit um die Nutzung der Räumlichkeiten, der schließlich das Ende an diesem Ort bedeutete.
Für viele war das mehr als die Schließung eines weiteren Clubs. Das White Rabbit war ein Ort für alternative Kultur, für Musik, Open Stage und Konzerte, für Menschen, die im Freiburger Nachtleben etwas abseits des Mainstreams suchten.
Der Abschied blieb nicht unbemerkt. Es gab Protest und Versuche, auf den Verlust aufmerksam zu machen. Doch auch wenn um Clubs immer wieder gekämpft wird, lässt sich ein gewachsener Ort mit seiner Geschichte und seinen Menschen nicht einfach an anderer Stelle neu erschaffen.
Was bleibt, wenn ein zweites Wohnzimmer verschwindet?
Wenn ich heute an das White Rabbit zurückdenke, denke ich an die Open Stage am Mittwoch. An Konzerte, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Und an mein schwarzes Notizbuch, das sich Seite für Seite mit den Spuren anderer Menschen gefüllt hat.
Ich denke an Zeichnungen, an Gespräche und an Begegnungen, die vielleicht nur einen Abend dauerten und trotzdem Teil einer Erinnerung wurden, die bis heute geblieben ist.
Genau das macht solche Orte aus. Sie sind nicht bloß eine Adresse, eine Bar oder eine Bühne. Sie werden zu einem Teil des eigenen Lebens. Man nimmt etwas mit, ohne es vorher geplant zu haben – manchmal eine neue Band, manchmal eine Bekanntschaft und manchmal eine ziemlich absurde Zeichnung in einem schwarzen Notizbuch.
Das White Rabbit kann man nicht einfach ersetzen. Und vielleicht muss man das auch gar nicht versuchen. Aber man sollte sich daran erinnern, was solche Orte möglich machen – und was verloren geht, wenn sie verschwinden.
Danke für die Abende. Und für die Seiten im schwarzen Notizbuch.





